Photovoltaik im Winter: Was deine Anlage von Oktober bis März liefert
Dezember und Januar bringen je nur rund 2 bis 4 Prozent des Jahresertrags — und warum du den Schnee trotzdem liegen lassen solltest.

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Jedes Jahr im November und Dezember passiert dasselbe: Die App zeigt plötzlich Tageserträge, die aussehen wie ein Messfehler, und der erste Gedanke ist „meine Anlage ist kaputt“. In den allermeisten Fällen ist sie das nicht. Photovoltaik im Winter liefert wenig — und zwar sehr viel weniger, als die beruhigenden Faustformeln vermuten lassen. Hier stehen die Zahlen, mit denen du deinen Dezember einordnen kannst, und die ehrliche Antwort auf die Frage, ob du den Schnee herunterholen solltest.
Die 30-Prozent-Zahl stimmt — und führt trotzdem in die Irre
„Rund 30 Prozent des Jahresertrags fallen ins Winterhalbjahr“ — das liest man überall, und es ist nicht falsch. Wir haben es am 6. Oktober 2026 für drei deutsche Standorte im PVGIS-Rechner der EU-Kommission nachgerechnet (Datenbasis PVGIS-SARAH2 und ERA5, Mittel der Jahre 2005 bis 2020, 35 Grad Dachneigung nach Süden, 14 Prozent Systemverluste):
- Pforzheim: 1.059 kWh je kWp im Jahr, davon 34,5 Prozent von Oktober bis März
- Kassel: 975 kWh je kWp, davon 30,0 Prozent im Winterhalbjahr
- Hamburg: 952 kWh je kWp, davon 28,3 Prozent im Winterhalbjahr
Die Zahl beruhigt, weil sie Oktober und März mitzählt — zwei Monate, die noch ordentlich liefern. Was sie verdeckt, ist das Loch in der Mitte.
Was Dezember und Januar wirklich bringen
Dieselbe Rechnung, aber monatsweise. Der Dezember liefert je nach Standort 2,4 bis 3,9 Prozent des Jahresertrags, der Januar 2,8 bis 4,2 Prozent:
- Pforzheim: Dezember 41,5 kWh je kWp, Januar 44,5 — gegenüber 124,5 im Juli
- Kassel: Dezember 25,7 kWh je kWp, Januar 31,9 — gegenüber 121,1 im Juli
- Hamburg: Dezember 22,7 kWh je kWp, Januar 26,5 — gegenüber 122,4 im Juli
Im Norden liefert der Juli also gut das Fünffache des Dezembers, im Süden immerhin noch das Dreifache. Dass das keine Theorie ist, zeigt der Blick auf das ganze Land: Nach unserer Auswertung der Daten von Energy-Charts (Fraunhofer ISE) erzeugten Deutschlands Solaranlagen im Dezember 2025 zusammen 1.443 Gigawattstunden — im Juni 2025 waren es 10.040. Das ist das Siebenfache. Gemessen an der Last deckte Solarstrom im Dezember 3,4 Prozent, im Juni 28,5 Prozent.
Für dich heißt das: Ein Dezembertag mit 0,8 Kilowattstunden je Kilowatt installierter Leistung ist kein Defekt, sondern Dezember. Wenn du wissen willst, ob deine Anlage über das Jahr liefert, was sie soll, ist der Vergleich mit kWh pro kWp als Plausibilitäts-Check der richtige Maßstab — nicht der Blick auf einen trüben Donnerstag.
Warum ein größerer Speicher den Winter nicht löst
Genau in diese Lücke verkauft die Branche gern den nächsten Speicher. Die Rechnung dagegen ist schlicht: Ein Speicher verschiebt Strom, er erzeugt keinen. Eine 10-kWp-Anlage in Kassel produziert im Dezember im Monatsmittel rund 8 Kilowattstunden am Tag — verteilt auf wenige trübe Stunden. Was nachts im Speicher landen soll, muss tagsüber erst einmal übrig sein, und im Dezember ist es das meistens nicht. Ein größerer Akku steht dann leer herum und kostet trotzdem Geld.
Das heißt nicht, dass sich ein Speicher nicht lohnt — es heißt, dass er sich nicht über den Winter rechnet. Wie die ehrliche Rechnung aussieht, steht in Lohnt sich ein Stromspeicher 2026.
Aus der Praxis — Axel Klett: „Die Anrufe kommen jedes Jahr in derselben Woche, und fast nie ist etwas kaputt. Wer im Dezember anfängt, an seiner Anlage zu zweifeln, vergleicht den schlechtesten Monat des Jahres mit der Erinnerung an den Juni.“
Schnee auf den Modulen: liegen lassen
Die zweite Winterfrage lautet: runterschieben oder nicht? Unsere Antwort ist eindeutig — liegen lassen. Dafür gibt es drei Gründe.
Erstens rechnet es sich nicht. Nimm die 10-kWp-Anlage in Kassel: Eine ganze Woche komplett unter Schnee kostet dich im Dezember rund 58 Kilowattstunden. Gerechnet mit 30 Cent je Kilowattstunde sind das etwa 17 Euro — für eine Woche Totalausfall im dunkelsten Monat. Dafür steigt niemand im Januar aufs Dach.
Zweitens ist der Schnee eingeplant. Die Schneelast, die Dach und Unterkonstruktion tragen müssen, ist ein geregelter Lastfall: Sie steht in DIN EN 1991-1-3/NA, Ausgabe April 2019, die laut Änderungsvermerk ausdrücklich „Schneelasten auf großen Dächern sowie für aufgeständerte Solarthermie- und Photovoltaikanlagen“ ergänzt hat. Auch die Module selbst werden auf Druck geprüft — Trina Solar weist in seinem Benutzerhandbuch für bestimmte Klemmvarianten +5.400 Pascal aus, umgerechnet rund 550 Kilogramm je Quadratmeter. Für eine korrekt geplante Anlage ist Schnee kein Ausnahmezustand.
Drittens schadest du mehr, als du gewinnst. Die Hersteller sind in ihren Handbüchern deutlich. Trina Solar schreibt wörtlich: „NICHT direkt auf dem Modul stehen, darauf laufen oder darauf treten“ und, für die Reinigung, „treten Sie NICHT auf die Module“. Dazu der Hinweis, die Oberflächen nicht zu zerkratzen. Wer mit Schneeschieber oder Besen über die Glasfläche geht, riskiert genau das — und dasselbe Handbuch sagt ebenso klar, dass die beschränkte Garantie erlischt, wenn seine Bedingungen nicht eingehalten werden.
Garantiebedingungen sind Herstellersache. Was oben steht, ist das, was Trina Solar in seinem deutschsprachigen Benutzerhandbuch schreibt (gelesen am 6. Oktober 2026). Andere Hersteller formulieren anders, und welche Fassung für dein Modul gilt, steht in deinen Unterlagen.
Das hier ist eine allgemeine Information und keine Rechtsberatung im Einzelfall. Bevor du etwas tust, was die Garantie berühren könnte, schau ins Handbuch deines Moduls oder frag deinen Installateur.
Dazu kommt das, was keine Norm regelt: Ein schneeglattes Dach im Januar ist der gefährlichste Ort am ganzen Haus. Und der Schnee geht von allein. Sobald die Sonne kurz durchkommt, erwärmt sich das dunkle Glas unter der Decke, die unterste Schicht wird nass, und die Ladung rutscht ab. Hier gilt dieselbe Linie wie beim Warten und Reinigen: Der beste Reiniger arbeitet umsonst.
Eine Einschränkung, ehrlich dazugesagt: In schneereichen Lagen, wo der Schnee über Wochen liegen bleibt, sieht die Rechnung anders aus. Dort gehört die Frage aber in die Planung — Neigung, Modulunterkante, Aufständerung — und nicht an den Schneeschieber.
Was du im Winter wirklich tun kannst
Drei Dinge bringen mehr als jede Räumaktion:
- Vergleiche mit dem Vorjahr, nicht mit dem Sommer. Dein Monitoring kennt den letzten Dezember. Weicht der neue deutlich ab, lohnt das Hinsehen — alles andere ist Wetter.
- Schau auf die Verschattung. Im Dezember steht die Sonne so tief, dass Gauben, Nachbarhäuser und kahle Bäume Schatten werfen, die im Juni keine Rolle spielen. Das ist kein Fehler der Anlage, erklärt aber oft den Unterschied zwischen zwei Nachbardächern.
- Nimm den Winter als Prüfzeit. Wenn du ohnehin den Verdacht hast, dass deine Anlage nicht liefert, was sie soll, ist jetzt der ruhige Moment, das systematisch durchzugehen — unser Abnahme-Check führt Schritt für Schritt durch die Punkte, an denen es typischerweise klemmt.
Und das Gegenstück zu diesem Beitrag für die andere Jahreshälfte: Warum deine Anlage bei 35 Grad weniger liefert. Zwischen beiden liegt die ganze Wahrheit über den Jahresverlauf — eine Solaranlage ist kein Gerät mit konstanter Leistung, sondern eine Sache der Jahreszeit. Wer das weiß, ruft im Dezember nicht beim Installateur an und steigt erst recht nicht aufs Dach.
Quelle & weiterführend: PVGIS 5.2 (EU-Kommission, JRC) — Monatserträge für deutsche Standorte
Redaktionell verantwortlich: Axel Klett — seit 2008 in der Solarbranche, 2009–2018 Inhaber und Geschäftsführer der Kensys GmbH & Co. KG (rund 5.500 kWp selbst geplant und gebaut), heute Head of Inside Sales bei einem Hersteller von PV-Unterkonstruktionen. Mehr über Wattvoll und unsere Arbeitsweise →